Wirtschaft

Weniger Gas durch Nord Stream 1 – Kein Verlust für Gazprom

Die Einführung von Börsen und Warenterminhandel für Erdgas hat einen entscheidenden Nachteil – jede Verringerung des Angebotes wirkt sich sofort auf den Preis aus. Ein Verlust für den Verkäufer wäre nur möglich, wenn es ein Überangebot gäbe.
Weniger Gas durch Nord Stream 1 – Kein Verlust für GazpromQuelle: www.globallookpress.com © Silas Stein

Nachdem vor einigen Tagen die Gaslieferungen durch Gazprom über Nord Stream 1 wegen einer in Kanada festsitzenden Turbine reduziert worden waren, hat nun das Handelsblatt berechnet, dass der russische Gaslieferant dennoch fast die gleichen Einnahmen erzielt wie vor dieser Beschränkung.

Am 10. Juni seien über Nord Stream 1 noch 2.241 Gigawattstunden Erdgas geliefert worden. Um die Menge etwas fassbarer zu machen – das entspricht 224 Millionen Kubikmetern auf den Gaszählern der Endkunden oder dem Jahresverbrauch von knapp 180.000 durchschnittlichen Haushalten pro Tag. Am 17. Juni waren es nur noch 1.520 Gigawattstunden, also ein Drittel weniger.

Dennoch, so das Handelsblatt, seien die Einnahmen von Gazprom im Vergleich zur Vorwoche nur um drei Prozent gesunken, da durch die Verknappung des Angebots der Preis auf dem Spotmarkt von 82,75 Euro auf 118,50 Euro je Megawattstunde gestiegen sei.

Insgesamt sind die Erdgaslieferungen aus Russland in die EU seit Anfang Februar um beinahe 60 Prozent gefallen. Eine weitere Reduzierung könnte das in Deutschland vorgegebene Ziel, die Erdgasspeicher bis zum 1. November zu 90 Prozent befüllt zu haben, in Frage stellen. In der Heizperiode ist die Gasversorgung aber nur gesichert, wenn zur kontinuierlichen Lieferung auch noch die Entnahme aus den Speichern tritt.

Aus der Industrie wurde bereits die Abschaltung von Gaskraftwerken gefordert; man könne die Schwankungen im Bereich Windkraft und Solarzellen auch mit Kohlekraftwerken ausgleichen und so Gas sparen. Das allerdings ist eine Forderung, die auf Widerstand der Energieversorger trifft, die jeder für sich nicht notwendigerweise die Möglichkeit hätten, ein abgeschaltetes Gaskraftwerk durch ein Kohlekraftwerk zu ersetzen, aber auf Zukäufe angewiesen wären oder Strafzahlungen leisten müssten, wenn bestehende Verträge nicht eingehalten werden könnten. Es handelt sich eben zwar technisch sowohl bei der Gas- als auch bei der Stromversorgung um ein Netz, aber nicht ökonomisch.

Die Berechnung, die das Handelsblatt vornimmt, ist allerdings in zwei entgegengesetzten Richtungen unvollständig. Zum einen ist Gazprom eigentlich ein Lieferant mit langfristigen Lieferverträgen und dafür bekannt, gerade darauf besonderen Wert zu legen. Das Unternehmen ist zwar an den Gasbörsen registriert, aber wie weit dort Gazprom tatsächlich handelt, lässt sich nicht belegen. Ohne eine reale Beteiligung an diesem Handel werden allerdings auch nicht die vom Handelsblatt angenommenen Preise erzielt.

Der Spotmarkt für Erdgas sollte kurzfristige Über- und Unterversorgungen ausgleichen; an ihm finden sich alle namhaften europäischen Netzbetreiber. Die Energiebörse hat auf den Strom- wie auf den Gaspreis die gleiche Wirkung; sie treibt ihn nach oben und vervielfacht die natürlichen Ausschläge im Jahresverlauf. Marktteilnehmer sind aber vor allem Zwischenhändler.

Andererseits ist jenes Erdgas, das nicht nach Westeuropa geliefert wird, deshalb nicht verschwunden. Es wird nur in eine andere Richtung gepumpt. Insofern gleicht sich die Berechnung wieder aus, selbst wenn Gazprom nicht an der Spekulation teilnimmt. Letztlich werden immer 100 Prozent des geförderten Gases verkauft, nur eben nicht nach Westeuropa. Das gilt für die fast 40 Prozent, die seit Februar weniger an die EU geliefert werden, ebenso wie für das Drittel, um das die Lieferungen per Nord Stream 1 verringert wurden.

Wobei die Betonung der möglichen Erträge über die Spotmärkte, die das Handelsblatt vornimmt, von einer weiteren Frage ablenkt, die sich aus ebendiesem Umlenken der Gaslieferungen ergibt: Nachdem Russland immer Wert auf langfristige Verträge gelegt hatte und auch die Gasmengen, die aus einem bestimmten Vorkommen geliefert werden, nicht beliebig nach oben ausbaubar sind – was geschieht, wenn Westeuropa irgendwann zur Besinnung kommt, aber inzwischen langfristige Verträge mit anderen Abnehmern geschlossen wurden? Dann könnte aus der momentanen Krise der Energieversorgung, die noch durch eine Aufhebung der Sanktionen behebbar wäre, ein dauerhafter, irreversibler Schaden geworden sein.

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