Von Rainer Rupp
Frankreichs politische Krise ist Realität
Frankreich durchlebt eine Phase ausgeprägter politischer Instabilität. Häufige Regierungswechsel unter einem zuletzt nur noch von 16 Prozent der Bevölkerung unterstützten Präsidenten Macron, schwierige Mehrheitsverhältnisse im Parlament und anhaltende Haushaltskonflikte belasten das politische System seit Langem.
In seinem Substack-Blog Men and the City beschäftigt sich der amerikanische Analyst seit Langem mit wirtschaftlichen Krisen, gesellschaftlichen Umbrüchen und der politischen Zukunft des Westens. Am 5. Oktober 2026 veröffentlichte Cameron Macgregor den Beitrag "France is on Fire and Europe will Follow?" ("Frankreich steht in Flammen – wird Europa folgen?"). In dem Beitrag beschreibt er Haupttreiber des französischen Zerfalls und prognostiziert einen möglichen Zusammenbruch der französischen Staatsordnung mit weitreichenden Folgen für ganz Europa.
Unabhängig von der objektiv zu beobachtenden Verschärfung der finanzpolitischen Entwicklung in Frankreich braucht man die häufig zugespitzten Analysen des Autors, die aus einer nationalkonservativen und ethnonationalistischen gesellschaftlichen Position heraus geschrieben sind, nicht zu teilen, um diesen Artikel trotzdem lehrreich zu finden. Denn er liefert wichtige Teile des Puzzles zum Gesamtbild der Vorgänge in Frankreich.
Zu Beginn verweist der Autor auf die Tatsache, dass es seit dem Jahr 2024 in Frankreich vier Regierungen gegeben hat, die alle in einer politischen Krise endeten. Präsident Emmanuel Macron wirft er vor, trotz schwindender politischer Autorität an seinem übersteigerten Machtanspruch festzuhalten, auf Kosten der Stabilität Frankreichs.
Zwischen Schuldenproblem und Staatsbankrott
Einen zweiten Krisenherd sieht Macgregor in Frankreichs Staatsfinanzen. Eine hohe Verschuldung und anhaltend wachsende Haushaltsdefizite stellen die französische Politik schon seit Langem vor erhebliche Herausforderungen. Die Staatsschulden sollen aktuell bei 119 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen, also etwa doppelt so hoch wie die ursprünglich in der EU vereinbarte Obergrenze von 60 Prozent des BIP. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass die Finanzierungskosten des französischen Staatsdefizits erheblich gestiegen sind und die Renditen französischer Staatsanleihen inzwischen 1,5 Prozentpunkte über denen deutscher Bundesanleihen liegen. Tendenz steigend.
Der Autor Macgregor beschreibt hier zu Recht eine gefährliche Spirale, in der steigende Anleiherenditen die Zinslast erhöhen und damit den finanziellen Spielraum des französischen Staates weiter verringern. Er behauptet sogar, Frankreich befinde sich in einer schwierigeren Situation als Griechenland während der europäischen Schuldenkrise vor 15 Jahren. Diese Behauptung erscheint womöglich vielen Lesern auf den ersten Blick unwahrscheinlich, aber Macgregor könnte dennoch recht haben.
Zu Beginn der Finanzkrise vor 15 Jahren betrug die Auslandsverschuldung Griechenlands zwar auch 120 Prozent des BIP, aber aufgrund des viel kleineren griechischen BIP konnte Griechenland insgesamt mit sehr viel weniger Finanzhilfe vor dem Staatsbankrott "gerettet" werden, als heute für eine solche Operation in Frankreich nötig wäre. Weder die Europäische Zentralbank (EZB) noch der Internationale Währungsfonds (IWF) könnten eine solche Operation allein leisten, auch nicht gemeinsam. Bei einem für 2026 auf knapp 3 Billionen Euro geschätzten französischen BIP belaufen sich die Staatsschulden von rund 120 Prozent auf etwa 3,6 Billionen beziehungsweise 3.600 Milliarden oder 3.600.000.000.000 Euro.
Wenn es so weit kommt, dass Frankreich in der für den gesamten Westen erwarteten Krise seine Schulden nicht mehr bedienen kann, dann könnte Macgregors Prognose aufgehen, dass keine Bank der Welt – weder die EZB noch der IWF noch die US-Zentralbank Fed – den Finanzkollaps in Paris verhindern könne.
Proteste und soziale Spannungen
Als weiteres Krisensymptom beschreibt Macgregor eine zunehmende Protestbewegung. Unter Berufung auf das französische Innenministerium nennt er rund 170 Demonstrationen mit etwa 200.000 Teilnehmern, möglicherweise sogar 300.000. Feuerwehrleute, Lehrer, Staatsbedienstete und Studenten protestierten gegen schlechte Arbeitsbedingungen, wirtschaftliche Belastungen und politische Entscheidungen. Die Zahlen werden in seinem Beitrag genannt und die Quellen sind entsprechend verlinkt.
Besonders eindringlich schildert der Autor die Beschwerden eines französischen Feuerwehrmanns im Staatsdienst, dessen Kollegen sich ebenfalls massenhaft an den Demonstrationen beteiligen. Dieser beklagt veraltete Schutzausrüstung, gesundheitliche Gefahren und fehlende gesellschaftliche Anerkennung. Macgregor interpretiert diese Unzufriedenheit als Zeichen dafür, dass der französische Staat auch unter staatlichen Angestellten zunehmend seine gesellschaftliche Legitimität verliere.
Das historische Vorbild: Das Ende der Vierten Republik
In diesem Kapitel zieht Macgregor eine Parallele zur französischen Geschichte. Zwischen 1946 und 1958 litt die Vierte Französische Republik unter chronischer Regierungsinstabilität. Die Rückkehr von General Charles de Gaulle und die Verfassungsreform von 1958 begründeten schließlich die Fünfte Republik mit einer deutlich gestärkten Präsidentschaft. Diese historischen Ereignisse sind dokumentiert.
Macgregor argumentiert nun, dass Frankreich heute erneut vor einem vergleichbaren Systemwechsel stehe. Anders als damals fehle jedoch eine Persönlichkeit vom Format de Gaulles, die eine neue politische Ordnung schaffen könnte. Der historische Vergleich ist diskussionswürdig. Er beweist allerdings nicht, dass die gegenwärtige Krise denselben Ausgang nehmen wird.
Macgregors umstrittenste These: Migration und die nationale Souveränität
Den eigentlichen Kern der Krise sieht Macgregor nicht in den Staatsfinanzen, sondern in einem Konflikt um die nationale Souveränität. Er vertritt die Auffassung, dass ethnisch definierte Bevölkerungsgruppen die eigentlichen Träger politischer Souveränität seien. Demokratie allein könne diese Frage seiner Meinung nach nicht mehr beantworten.
Seine Argumentation stützt sich auf eine ethnonationalistische Interpretation gesellschaftlicher Entwicklungen. In diesem Zusammenhang verweist Macgregor auf zunehmende Gewalttaten von Migranten oder Franzosen mit Migrationshintergrund, die in französischen Vorstädten Angriffe auf Polizeibeamte zu einem Volkssport machten. Außerdem berichtet er von durch nichts provozierten, oft lebensgefährlichen Gewalttaten gegen weiße Frauen auf offener Straße, zum Beispiel in Marseille mit einem Flammenwerfer. Er beschreibt auch die Rolle militanter "Black Blocs", die angeblich mit Gewalttaten den Konflikt zwischen Migranten und Einheimischen schüren.
Daraus leitet der Autor die Erwartung einer bevorstehenden ethnischen Konfrontation ab. Besonders weitreichend ist seine Bezugnahme auf die sogenannte "Great Replacement"-These, nach der die europäische Bevölkerung durch Einwanderung von der Macht verdrängt werden soll. Allerdings lässt sich aus unkoordinierten, einzelnen Gewalttaten noch lange nicht ableiten, dass Migranten insgesamt einen organisierten Kampf um die politische Herrschaft führen oder dazu überhaupt imstande sind. Macgregors Prognose eines möglichen Bürgerkriegs zwischen den Ethnien bleibt deshalb sehr spekulativ.
Warum Macgregor nicht an die Wahl von 2027 glaubt
Frankreich bereitet sich auf die nächste Präsidentschaftswahl im Jahr 2027 vor. Macgregor nennt Marine Le Pen, Jean-Luc Mélenchon und Édouard Philippe als mögliche politische Akteure. Unabhängig vom Wahlausgang hält er eine Stabilisierung durch demokratische Wahlen für ausgeschlossen. Seine Begründung: Die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und institutionellen Konflikte seien bereits zu tiefgreifend, um innerhalb des bestehenden Systems gelöst werden zu können.
Droht Europa eine neue Finanzkrise?
Macgregors dramatischste Prognose betrifft die internationalen Folgen eines möglichen französischen Zusammenbruchs.
Er erwartet, dass eine schwere Schuldenkrise eine Kettenreaktion auf den Finanzmärkten auslösen könnte. Frankreichs wirtschaftliche Verflechtung mit der Eurozone würde die übrigen europäischen Staaten in Mitleidenschaft ziehen.
Der zugrunde liegende Mechanismus ist grundsätzlich plausibel: Eine schwere Finanzkrise in einer großen europäischen Volkswirtschaft könnte erhebliche grenzüberschreitende Folgen haben. Ob Frankreich tatsächlich vor einer solchen Krise steht, ist damit jedoch nicht beantwortet.
Marine Le Pen will in Anbetracht der Finanzlage des Staates einen scharfen Sparkurs fahren. Wenn sie keine Fortführung der landesweiten Proteste und Unruhen unter ihrer Präsidentschaft will, dann kann sie die sozialen Haushaltstitel nicht weiter zusammenstreichen. Allerdings könnte durch die Einstellung der Ukraine-Hilfe und durch weitere Kürzungen beim Militär, zum Beispiel bei Afrika-Einsätzen, viel Geld gespart werden. Gleiches könnte durch den erneuten Import von preiswertem russischem Gas und Öl und anderen Energiederivaten erreicht werden, indem sich Paris über das Diktat von Brüssel hinwegsetzt.
Fazit
Cameron Macgregor zeichnet ein korrektes Bild eines Landes, dessen politische Institutionen, Staatsfinanzen und gesellschaftlicher Zusammenhalt gleichzeitig unter Druck geraten. Sein Beitrag macht auf reale Problemfelder aufmerksam. Zugleich verbindet er diese mit weitreichenden, teilweise ideologisch geprägten Schlussfolgerungen.
Seine zentrale These lautet, dass Frankreich vor einem revolutionären Umbruch steht und Europa in die Krise mitreißen wird. Das ist möglich, und wenn man die Nervosität auf den internationalen Märkten für Staatsanleihen sieht, ist die Gefahr durchaus real. Der Eintritt dieser Entwicklung ist jedoch nicht zwingend, wie Macgregor annimmt. Denn bei einem Wahlsieg von Le Pen hätte die zukünftige Präsidentin durchaus die Möglichkeit, eine Verschlechterung der Staatsfinanzen zu stoppen, ohne die Sozialleistungen weiter zu kürzen, und mit der Öffnung zum russischen Markt die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Auch das hätte weitreichende Folgen für ganz Europa, nur anders, als Macgregor es prognostiziert.
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