Meinung

Corona-Sachverständigenrat: Virologe Klaus Stöhr ersetzt Christian Drosten

Auf Initiative der CDU wurde der ehemalige WHO-Virologe Klaus Stöhr in den Sachverständigenrat der Bundesregierung berufen. Drosten hatte den Rat zuvor unter Protest verlassen. Für Gesundheitsminister Lauterbach gilt Stöhr allerdings nicht als "Topvirologe". Der Rat will bis Ende Juni erste Ergebnisse liefern.
Corona-Sachverständigenrat: Virologe Klaus Stöhr ersetzt Christian Drosten© ServusTV On

von Bernhard Loyen

Laut dem geltenden Infektionsschutzgesetz (IfSG) muss die Bundesregierung über einen eigens dafür einberufenen Sachverständigenrat bis Ende Juni Auswertungsergebnisse zu den Auswirkungen und der bisherigen Wirksamkeit der politisch verordneten Corona-Maßnahmen liefern. Ende April hatte das bisherige mediale Aushängeschild des Gremiums, der Charité-Chef-Virologe Christian Drosten, erklärt, sich nicht mehr an der Evaluierungsarbeit zu beteiligen. Dieser Rückzug vollzog sich unter Protest, da der FDP-Politiker Kubicki zuvor eine Anfrage zur Unabhängigkeit der gelisteten Sachverständigen an den Dienst des Bundestags gestellt hatte.

Überraschend verkündete nun der Gesundheitspolitische Sprecher der Unions-Fraktion im Bundestag, Tino Sorge, die Nachnominierung des Virologen und Epidemiologien Klaus Stöhr:

"Mit Prof. Dr. Klaus Stöhr rückt auf Vorschlag der CDU/CSU ein ausgewiesener Experte in das Gremium zur Evaluation der Corona-Maßnahmen nach. Klaus Stöhr steht für einen pragmatischen und unaufgeregten Corona-Kurs und für eine transparente, datenbasierte Evaluation der Maßnahmen der letzten 2,5 Jahre. Auf seinen Rat als Virologe, Epidemiologe & langjähriger WHO-Praktiker ist Verlass."

Diese Ernennung kann als bewusste Spitze gegen den SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach gewertet werden, da dieser noch im März seinen eindeutigen persönlichen "Virologen-Favoriten" für Deutschland in Christian Drosten erkannt und benannt hatte. Ohne die zu erwartende professionelle Neutralität eines Spitzenpolitikers in der herausragenden Position eines federführenden Ministeramts in der Coronakrise, teilte Lauterbach in einem TV-Porträt folgende Einschätzung mit:

"Also beispielsweise in der Bild-Zeitung steht dann 'Top-Virolge Stöhr' und meinetwegen Top-Virologe Christian Drosten, aber in der Wissenschaft selbst käme keiner auf die Idee zu sagen, dass Herr Stöhr ein Top-Virologe ist und im Vergleich mit Herrn Drosten stehen könnte...

Natürlich ist es so, dass der FC St. Pauli und Bayern München, dass das beides Fußballmannschaften sind, aber man würde doch den Unterschied erkennen können. Und so ist es auch in der Wissenschaft."

Prof. Dr. Klaus Stöhr war 15 Jahre lang für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) tätig, unter anderem als Leiter des Globalen Influenza-Programms und SARS-Forschungskoordinator. Von 2007 bis Ende 2017 arbeitete er in der Impfstoffentwicklung und weiteren Funktionen bei dem Pharmaunternehmen Novartis. Also alles andere als die von Lauterbach propagierte 2. Liga- Karriere, und vor allem Erfahrung.

Die Benennung Drostens in den Corona-Sachverständigenrat, einem Rat, der immerhin die Regierungsarbeit der letzten zwei Corona-Jahre analysieren und auswerten soll, hatte bis zu seinem Ausscheiden dahingehend ein Geschmäckle, da der Virologe nun eindeutig nicht nur regierungsberatend im Corona-Expertenrat aktiv tätig ist, sondern auch ansonsten nicht unbedingt als reflektierend, kritisch und kompromissbereit zu erleben war.

Stöhr positionierte sich dem entgegen eher als wissenschaftlicher Außenbeobachter ohne Regierungsnähe. So stellte der Virologe im Februar 2022 im Rahmen der Diskussion zu einem Auslaufen der Corona-Regelungen Ende März fest:

"Wozu noch Maßnahmen? – Kontrolle der Ausbreitung beinahe gar nicht mehr möglich."

Ebenfalls im Februar 2022 titelte das Magazin Focus:

"Kritik an Maßnahmen - Virologe Stöhr fordert Lockerungen: 2G und 2G plus 'von Anfang an wenig zielführend'"

In einem Statement zu der Effizienz von Corona-Maßnahmen in Deutschland, ausgehend von den Vorgaben und Empfehlungen des Robert Koch-Instituts, lautete Stöhrs Erläuterung:

"Ich sage es mal so: Wenn man einen Eimer Wasser ins Meer schüttet, dann ist das Meer voller. Einen Effekt gibt es sicherlich, aber sind die Kollateralschäden im Vergleich zur Wirkung gerechtfertigt? Letztendlich steht die Frage der Effizienz, also: Wie viele Infektionen können mit welchem Aufwand verhindert werden, und was ist der Preis?"

Im März forcierte Stöhr seine Wahrnehmungen mit der Aussage:

"Regierung stützt sich auf falsches Berater-Konzept"

Es sollte daher nicht überraschen, dass der regelmäßig twitternde Lauterbach den Rückzug seines persönlichen Darlings Drosten aus dem Evaluierungs-Gremium umgehend mitteilte und bedauernd kommentierte, jedoch die fachliche Ergänzung und Nominierung von Stöhr noch mit keinem einzigen Wort bedachte. Der eindeutig wertende Tweet zum Rückzug des Charité-Virologen:

"...Das ist ein schwerer Verlust, weil niemand könnte es besser."

Das Magazin Spiegel – nachweislich zweimal finanziell unterstützt durch die Bill und Melinda Gates Stiftung (zuletzt im Jahre 2021 mit knapp 2,5 Millionen Euro), und in der Berichterstattung während der Coronakrise nicht gerade als regierungskritisch bekannt – nutzte in dem Artikel zur Causa Stöhr ein Bild von Christian Drosten, auch eine Form der Missachtung. Die Überschrift lautete:

"Corona-Sachverständigenausschuss: Epidemiologe Stöhr rückt für Drosten nach. Den Sachverständigenausschuss, der die Wirkung der Coronamaßnahmen überprüfen soll, hatte Christian Drosten aus Protest verlassen. Nun rückt ein Wissenschaftler nach, der oft andere Ansichten als Drosten vertrat."

Die sehr kurzfristige Ergänzung des Rates ist dahingehend eine Überraschung, da bereits am 30. Juni die Kommission einen ersten, mit Spannung erwarteten Bericht abliefern muss, in dem aussagekräftige Maßnahmen-Analysen erhofft werden. Immerhin sollen die Ergebnisse als Maßstab für etwaige künftige politische Maßnahmen für die diesjährige Herbst- und Wintersaison gelten, bzw. genutzt werden. Welche Rolle nun Prof. Dr. Klaus Stöhr dabei innehat, ist wohl noch nicht abschließend geklärt. Die Springer-Zeitung Welt teilte nach Anfrage bei dem Virologen mit:

"Inwiefern Klaus Stöhr nun noch einen Input liefern kann, ist unklar – bislang ist nicht einmal klar, wann und in welcher Form er zu den anderen Mitgliedern, die sich in der Regel digital zusammenschalten, stößt. Er selbst sagte WELT am frühen Donnerstagabend, er wisse nicht, was nach der Verlautbarung von CDU-Politiker Sorge 'das Prozedere zur Bestätigung seiner Berufung' ist."

Auch mit seinen jüngsten nüchternen und sachlichen Aussagen zum Status quo der Coronakrise in Deutschland, wird Stöhr bei Minister Lauterbach wenig Bonuspunkte sammeln können:

"Deswegen ist es eigentlich nicht richtig zu sagen, es sterben gegenwärtig noch 250/350 Menschen, wir müssen noch Maßnahmen ergreifen. Diese 230 bis 250 Menschen werden sterben, egal ob wir noch etwas zusätzlich machen könnten. Wir können nichts mehr zusätzlich machen...Mehr kann man für den Einzelnen jetzt nicht tun."

Stöhr ist selbst mehrfach geimpft, bezeichnete die vorhandenen COVID-Impfstoffe in seinem aktuellen Interview als "zuverlässigen Impfstoff, mit Nebenwirkungen, ohne Zweifel". Zum Thema eines Affenpocken-Impfstoffs erfolgte ebenfalls eine Äußerung seitens Stöhrs, die Gesundheitsminister Lauterbach nicht zusagen wird. Zu der Information Lauterbachs, dass er bei aktuell 43 bestätigten Affenpocken-Fällen in Deutschland bereits weit über 200.000 Impfstoff-Einheiten geordert hätte, stellt Stöhr die vollkommen angebrachte Frage zum Vorgang:

"Impfstoffhaltung gegen Affenpocken ist gut. Jedoch: wie wurde der Impfstoffbedarf bestimmt bei welchem strategischen Ziel? Bei ca. 10-50 Kontakten pro Fall (gegenwärtig 21 – Anmerkung des Autors, Stand 31. Mai) und einer Impfstoffakzeptanz von ca. 20% würde man sehr konservativ gut mit 5000 Dosen aufgestellt sein.

Vielleicht kann sich jemand mal aus diesen Tweet (sic!) zur Wiedervorlage in 2 Monaten abspeichern. Dann wird der Impfstoff immer noch bestellt und bezahlt worden sein, aber höchstwahrscheinlich nur noch wenig von Affenpocken gesprochen werden."

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) verweigerte in der Zwischenzeit die Anfrage einer Journalistin zu den Kosten der erneut opulenten Ordergröße aus dem Hause Lauterbach:

Die kommenden Wochen und Monate werden daher zeigen, bzw. zeigen müssen, ob Gesundheitsminister Lauterbach seiner wichtigen Funktion und Rolle eines objektiv agierenden Politikers in einer schwerwiegenden Gesellschaftskrise auch nur annähernd (noch) gerecht wird.

Dem NDR-Journalisten Markus Grill teilte Stöhr am 2. Mai zu seinen Beweggründen einer Mitarbeit im Sachverständigenrat mit:

"Mein eigentlicher Antrieb ist, dass ich schon lange beobachte, wie wenig evidenzbasiert viele Corona-Maßnahmen in Deutschland sind. Selbst einige wesentliche Grundlagen der Krisenkommunikation und des Krisenmanagements blieben unberücksichtigt...

Wenn Lauterbach sagt, dass man den Evaluationsbericht in diesem Jahr wegen Mangel an Daten nicht schaffe, dann ist das eine Bankrotterklärung der Pandemiebekämpfung der Vergangenheit. Bedeutet das, dass man auch keine Zahlen zu Fakten genutzt hatte, um die Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit vorab zu untersuchen? Hat man also 2 Jahre in einem evidenzbefreiten Raum agiert?"

Man darf daher Ende Juni auf die Aussagen des Corona-Sachverständigenrats gespannt sein, unter Berücksichtigung und Einbeziehung der fachlichen Kommentierungen eines Prof. Dr. Klaus Stöhr.

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