Russland plant Aufstockung seiner Reserven um eine Billion Rubel

Eine Billion Rubel an zusätzlichen Einnahmen könnte Russland bis zum Jahresende in die Rücklagen fließen lassen. Das gab Finanzminister Anton Siluanow bekannt. In den letzten vier Jahren diente der Nationale Wohlstandsfonds vor allem dazu, den Haushalt und die Wirtschaft zu stützen. Das Finanzministerium beabsichtigt jedoch, die Haushaltsregel zu verschärfen und zur Bildung von Rücklagen zurückzukehren, anstatt diese zu verbrauchen.

Von Olga Samofalowa

Das Volumen des Nationalen Wohlstandsfonds (NWF) werde im Juni um 220 Milliarden Rubel steigen, und bis Ende 2026 könnte die Aufstockung eine Billion Rubel erreichen, erklärte der russische Finanzminister Anton Siluanow im Rahmen des Internationalen Wirtschaftsforums in St. Petersburg (SPIEF). Alles hänge jedoch vom durchschnittlichen Ölpreis ab, fügte er hinzu.

Dabei lehnte Siluanow den Vorschlag ab, Fondsmittel in Rubel anzulegen. Eine solche Idee hatte in St. Petersburg Alexei Mordaschow geäußert, der Vorsitzende des Ausschusses des Russischen Verbands der Industriellen und Unternehmer (RSPP) für Handelspolitik und WTO-Fragen. Siluanow zufolge ergibt es keinen Sinn, Reserven in Rubel zu bilden, da Rücklagen in Dollar – wie früher – und in Yuan – wie heute – dazu dienten, Wechselkursschwankungen des Rubels auszugleichen.

Nikolai Dudtschenko, Analytiker bei der Finanzgruppe Finam, meint dazu:

"Noch vor Beginn der militärischen Sonderoperation in der Ukraine wurde der US-Dollar in den Jahren 2020/21 aus der Struktur des Nationalen Wohlstandsfonds ausgeschlossen. Außerdem wurde der Anteil von Euro und Pfund Sterling reduziert. Zugleich wurden neue Aktiva aufgenommen – Yuan, Yen und Gold. Nach Beginn der militärischen Sonderoperation wurden die Restbestände in Pfund Sterling, Euro und Yen auf null gesetzt, während Yuan und Gold faktisch zur Grundlage des Fonds wurden."

Der russische Finanzminister sprach sich zudem für eine Rückkehr zu einer strengeren Haushaltsregel aus. Dies hängt damit zusammen, dass in den vergangenen Jahren, als das Land zusätzliche Finanzressourcen benötigt hatte, die Lockerung dieser Regel zur Stärkung des Rubelkurses beigetragen hatte. Nun ist man in der Regierung zu der Erkenntnis gelangt, dass man zu der früheren Politik zurückkehren müsse, damit der Wechselkurs berechenbarer wird.

Nun sind die Regierungsvertreter zu der Erkenntnis gelangt, dass man zu der früheren Politik zurückkehren müsse, damit der Wechselkurs berechenbarer wird.

Wladimir Tschernow, Analytiker bei Freedom Global, erläutert:

"Der Nationale Wohlstandsfonds ist in den letzten Jahren nicht mehr nur ein 'Sparstrumpf für schlechte Zeiten', sondern zu einer tragenden Säule der Haushaltsstabilität geworden. Nach dem Haushaltsgesetzbuch der Russischen Föderation kann der NWF zur Deckung des Defizits Bundeshaushalt eingesetzt werden, wobei er aus zusätzlichen Öl- und Gaseinnahmen gebildet wird. Das heißt: Wenn Öl und Gas Mehreinnahmen bringen, wird dieses Geld zurückgelegt. Wenn die Einnahmen zurückgehen oder die Ausgaben stark steigen, wird auf den Fonds zurückgegriffen."

In den letzten vier Jahren wurde der Fonds um 15 Billionen Rubel in Anspruch genommen, doch diese Mittel flossen nicht ausschließlich zur Deckung von Haushaltsausgaben. Wie Siluanow zuvor erklärte, sind mehr als vier Billionen Rubel davon in die Wirtschaft sowie in die Infrastruktur- und Technologieentwicklung investiert worden.

Die Statistiken zeigten, dass der NWF nominell gesehen zwar ein großes Volumen aufweise, die tatsächlich verfügbare Sicherheitsreserve – also der liquide Teil des Fonds – jedoch stark geschrumpft sei, merkt Tschernow an. Anfang 2022 habe das Gesamtvolumen des Fonds bei etwa 13,6 Billionen Rubel gelegen; zum 1. Januar 2026 habe es sich mit 13,4 Billionen Rubel kaum verändert. Die liquiden Aktiva seien jedoch von 8,8 Billionen Rubel (Stand: 1. Februar 2022) auf 4,08 Billionen Rubel zurückgegangen. In den letzten fünf Monaten sei das Gesamtvolumen des Fonds auf 12,955 Billionen Rubel gesunken, während der liquide Teil auf 3,412 Billionen Rubel geschrumpft sei.

Daher ist die Absicht des Finanzministeriums, die Haushaltsregel zu verschärfen, um die Reserven aufzustocken, statt sie zu verbrauchen, durchaus nachvollziehbar. Doch wird es gelingen, bis Ende 2026 eine Billion Rubel dem Fonds zuzuführen?

Dafür müssten drei Bedingungen erfüllt sein, sagt Tschernow: Der durchschnittliche Preis für Rohöl der Sorte Urals müsse deutlich über der im Haushalt angesetzten Schwelle von 59 US-Dollar je Barrel liegen; der Rubelkurs dürfe nicht zu stark sein, da dies die Öl- und Gaseinnahmen in Rubel verringern würde; und es dürfe keinen starken Rückgang der physischen Öl- und Gasexportmengen geben.

Der Experte ist der Ansicht:

"Ich denke, dass eine Aufstockung um eine Billion Rubel möglich ist, vorausgesetzt, die Spannungen im Nahen Osten und um die Straße von Hormus sorgen dafür, dass der Ölpreis fast das ganze Jahr über hoch bleibt. Sollte der Ölpreis jedoch wieder auf das Niveau vom Jahresbeginn 2026 zurückfallen, während der Rubel weiterhin stark bleibt, wird die Aufstockung deutlich geringer ausfallen. Angesichts der Tatsache, dass die Öl- und Gaseinnahmen im Zeitraum Januar bis Mai immer noch etwa 30 Prozent unter dem Vorjahresniveau lagen, erscheint die Billion eher als Obergrenze eines optimistischen Szenarios und nicht als Garantie."

Die Verschärfung der Haushaltsregel um einen US-Dollar pro Jahr auf 55 US-Dollar bis 2030 soll dazu beitragen, den NWF wieder aufzufüllen, statt ihn zu verbrauchen. Derzeit ist im Haushalt ein Basispreis für Öl von 59 US-Dollar je Barrel angesetzt. Liegt der Preis für Rohöl der Sorte Urals darüber, wie es derzeit der Fall ist, soll alles, was über 59 US-Dollar hinausgeht, in die Reserven fließen und nicht für laufende Ausgaben verwendet werden.

Tschernow sagt: "Wenn der Preis für Rohöl der Sorte Urals bei 70 bis 80 US-Dollar pro Barrel liegt, ermöglicht die Haushaltsregel tatsächlich höhere Rücklagen; wenn der Urals-Preis jedoch wieder auf 50 bis 55 US-Dollar fällt, können keine Rücklagen gebildet werden."

Was den Rubel betrifft, so habe die Verschärfung der Haushaltsregel seiner Meinung nach eher mäßig negative Auswirkungen, da das Finanzministerium mehr Devisen und Gold kaufen werde. Einen starken Kursverfall des Rubels allein deswegen sollte man jedoch nicht erwarten. Der Druck werde vom täglichen Transaktionsvolumen, den Ölpreisen, den Importen und der Politik der Zentralbank abhängen, meint der Experte.

Dudtschenko merkt dazu an: "Das Ergebnis wird eine langfristige Aufstockung des Nationalen Wohlstandsfonds bei günstiger Konjunktur sein. Dies wiederum könnte Druck auf den Rubelkurs ausüben, da die eingehenden Exporterlöse teilweise durch Transaktionen des Finanzministeriums absorbiert werden könnten. Andererseits sollte man bedenken, dass die Zentralbank 'Spiegeloperationen' durchführt – also Maßnahmen, die den Handlungen des Finanzministeriums entgegengesetzt sind –, um den Einfluss der Haushaltsoperationen auf den Rubelkurs zu verringern."

Für den Haushalt ist dies natürlich ein Pluspunkt. Tschernow meint dazu:

"Eine strengere Haushaltsregel verringert die Abhängigkeit der Staatsausgaben von vorübergehend hohen Ölpreisen und stellt den liquiden Teil des Nationalen Wohlstandsfonds wieder her. Für den Rubel ist dies ein Minuspunkt, allerdings ein kontrollierbarer, da die Devisenkäufe des Finanzministeriums eine übermäßige Aufwertung des Rubels abfedern und den Exporteuren teilweise zugutekommen werden."

Für die Inflation sei der Effekt komplexer, fügt der Experte hinzu: Ein schwächerer Rubel könne über Importe und Erwartungen zusätzlichen Druck erzeugen, strengeres Haushalten verringere jedoch den fiskalischen Impuls.

Für Exporteure sei ein solches Szenario vorteilhaft, da Öl- und Gasunternehmen, Metallurgen, Düngemittelhersteller und Goldförderer von einem schwächeren Rubel profitieren. Für Unternehmen mit importabhängigen Kosten und hoher Schuldenlast wäre der Effekt dagegen negativ.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 6. Juni 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung Wsgljad erschienen.

Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung Wsgljad.

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