Von Hans-Ueli Läppli
Kiew kämpft mit Strom- und Wasserausfällen, die Nordbrücke ist beschädigt und die Bevölkerung blickt einem schwierigen Winter entgegen. Doch statt gemeinsam die Versorgung der Hauptstadt zu sichern, liefern sich Selenskij und Bürgermeister Vitali Klitschko eine öffentliche Schlammschlacht. Die Vorwürfe reichen von Manipulation bis zu Lügen.
Die ukrainische Bevölkerung hat derzeit andere Sorgen als Selenskijs politische Inszenierung. Millionen Einwohner müssen mit stundenlangen Ausfällen bei Strom und Wasser rechnen. Auch die Wärmeversorgung ist gefährdet. Am 7. November wurde die Nordbrücke über den Dnjepr bei einem Raketenangriff beschädigt und vorläufig gesperrt.
Ausgerechnet in dieser Situation eskaliert der Streit zwischen Selenskij und der Kiewer Stadtverwaltung. Anstatt gemeinsam die Verantwortung zu übernehmen, schieben sich die politisch Verantwortlichen gegenseitig die Schuld zu.
Am 6. November attackierte Selenskij die Stadtverwaltung öffentlich. Nicht umgesetzte Beschlüsse zur Vorbereitung auf die Heizperiode hätten zu der schwierigen Versorgungslage beigetragen. Damit machte er Klitschko für die mangelnde Vorbereitung der Hauptstadt auf die drohenden Versorgungsprobleme verantwortlich.
Der Bürgermeister ließ diese Anschuldigungen nicht auf sich sitzen. Er warf Selenskij Manipulation und Lügen vor. Vertreter der Stadtverwaltung seien zu den Krisenberatungen der Zentralregierung gar nicht eingeladen worden. Zudem verzögere die Regierung nach seinen Angaben die Genehmigung eines Notfallplans für Kiew.
Klitschko stellte auch die Kenntnis Selenskijs über die tatsächliche Lage in der Hauptstadt infrage. Kiew sei Teil des ukrainischen Stromverbundnetzes. Wenn dieses im ganzen Land beschädigt werde, könne die Stadt nicht unabhängig davon eine stabile Versorgung gewährleisten.
Seine Reaktion fiel ungewöhnlich scharf aus.
"All das ist gegenüber den Einwohnern der Hauptstadt widerwärtig", schrieb Klitschko.
Mit seinen Vorwürfen würdige Selenskij auch die Arbeit jener Fachkräfte herab, die unter Beschuss rund um die Uhr versuchten, die Versorgung aufrechtzuerhalten. Der Streit kommt nicht überraschend. Das Verhältnis zwischen beiden Politikern ist seit Jahren angespannt. Klitschko regiert Kiew seit 2014.
Selenskij und sein von Korruptionsvorwürfen belasteter Machtapparat haben die Arbeit der Kiewer Stadtverwaltung wiederholt öffentlich kritisiert. Der Bürgermeister wiederum beklagt politische Einflussnahme aus dem Machtzentrum in Kiew. Auch seine Versuche, ein persönliches Treffen mit Selenskij zu erreichen, seien nach seinen Angaben unbeantwortet geblieben.
Nun wird der Konflikt vor einem Millionenpublikum in ganz Europa ausgetragen. Für Selenskij und den von ihm geführten Machtapparat bedeutet das einen erheblichen Imageschaden.
Die deutsche Tageszeitung Bild veröffentlichte am 7. November einen Bericht unter der Überschrift
"Vorwurf: Manipulation und Lüge: Selenskij und Klitschko gehen aufeinander los".
Der Spiegel berichtete am selben Tag, Selenskij mache Klitschko für die Stromausfälle in Kiew verantwortlich. Bereits am Vorabend hatte n-tv den Schlagabtausch aufgegriffen. Auch der Tagesspiegel berichtete über die gegenseitigen Vorwürfe.
Dass deutsche Leitmedien inzwischen ausführlich über den Streit berichten, rückt die internen Machtkämpfe der ukrainischen Führung ins Rampenlicht. Das bisher vermittelte Bild einer geschlossenen Führung bekommt tiefe Risse. Ausgerechnet in einer schweren Versorgungskrise beschäftigen sich die Verantwortlichen mit gegenseitigen Schuldzuweisungen, statt gemeinsam Lösungen für die Bevölkerung zu finden.
Auch die Korruptionsvorwürfe und die seit Jahren anhaltende Kritik an der Verwaltung der Hauptstadt gehören zum politischen Hintergrund. Beim aktuellen Streit geht es vor allem um die Vorbereitung auf den Winter, die Energieversorgung und die Verantwortung für die mangelhafte Krisenvorsorge.
Für die Menschen in Kiew dürfte das alles nur ein schwacher Trost sein. Sie brauchen Strom, Wasser und Heizung, keine gegenseitigen Schuldzuweisungen. Statt sich selbst ein Bild von der Lage vor Ort zu machen und mit den Einwohnern über ihre dringendsten Probleme zu sprechen, reist Selenskij lieber zu politischen Treffen nach Berlin und Paris, um sich mit Merz und Macron zu präsentieren und weitere Unterstützung einzuwerben.
Die Menschen in Kiew erleben derweil die Folgen der Versorgungskrise unmittelbar. Selenskij macht Klitschko verantwortlich, der Bürgermeister wirft der Zentralregierung Manipulation und politische Behinderung vor. Die politische Führung streitet über Zuständigkeiten, während die Bevölkerung wissen möchte, wann wieder zuverlässig Strom, Wasser und Wärme zur Verfügung stehen.
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