Von Marina Achmedowa
An Kindern, die frisch das Schulalter erreicht haben, gibt es in der heutigen Ukraine nur noch ein Drittel der Zahl zu Zeiten der Sowjetunion. Derartige Berechnungen hat der ukrainische Wirtschaftswissenschaftler Alexei Kuschtsch angestellt. Zur Erinnerung: In der Ukraine sind am ersten September dieses Jahres 240.000 Kinder eingeschult worden – und im Jahr 1990 gab es dort 750 Erstklässler. Insgesamt lernen an ukrainischen Schulen heute 3,5 Millionen Kinder – gegenüber 7,13 Millionen in den Jahren 1990/91. Damals hatte die Sowjetrepublik 22.000 – und heute 12.000, Tendenz fallend.
Die destruktiven Prozesse im Bereich der Demografie liegen in der Ukraine also klar auf der Hand – Kuschtsch spricht hier von einer "Zerstörung der Population". Er wandte sich mit seinen Daten an die ukrainischen Kriegsbefürworter mit dem Vorwurf, dass sie ihr eigenes Volk mit ihren eigenen Händen ausmerzen.
Und er hat recht – doch noch nicht einmal ein sofortiges Ende des Krieges wird der Ukraine erlauben, die Zahlen der Vergangenheit wiederherzustellen. Denn Menschen zu verlieren begann die Ukraine nicht erst im Jahre 2022 – sondern der Prozess des Zerfalls der Nation wurde im Jahre 1991 eingeleitet, also exakt mit dem Beginn der Unabhängigkeit. Der Wirtschaftswissenschaftler berechnet, dass die Ukraine in den 36 Jahren Unabhängigkeit ganzer 50 Prozent ihres demographischen Potenzials verlustig ging. Die Vorgänge dahinter wurden vom Krieg selbstverständlich nicht in Gang gesetzt, sondern lediglich beschleunigt – und heute ist es unmöglich geworden, diese Verluste rückgängig zu machen. Das aber ist das Schlimmste, was einer Nation passieren kann. Die Ukraine hat den Punkt längst überschritten, hinter dem es kein Zurück mehr gibt – und liegt nun im Sterben. Es wird bald keine Ukraine mehr geben, und der Krieg hat nichts damit zu tun.
Vor gar nicht langer Zeit machte der Leiter des Kiewer Perinatalzentrums Dmitri Gowsejew seine Berechnungen öffentlich: Zum Wiederherstellen der Bevölkerungszahl wenigstens Stand Jahr 2021 müsse jede Ukrainerin acht Kinder gebären. Wohl hatte diese Aussage auch einen sehr bitteren sarkastischen Unterton, denn er selbst nannte solche Erwartungen völlig unrealistisch.
Wir sehen also, es gibt ja in der Ukraine durchaus Menschen, die verstehen: Im Lande spielt sich eine demographische Katastrophe ab und man muss wenigstens die Splitter des demographischen Kerns, die noch übriggeblieben sind, hüten wie eigen Augenlicht. Mehr noch, sie verstehen dies nicht bloß – sondern sprechen offen darüber.
Doch warum werden dann auf der anderen Seite Forderungen immer lauter, auch Frauen in den Kriegsdienst einzuziehen – von wegen, sollen sie doch kämpfen?
Wirklich, warum tut der ukrainische Staat alles dafür, dass Eltern ihre Kinder dauerhaft außer Landes bringen? Denn nach verschiedentlichen Berechnungen leben heute 320.000 bis 400.000 ukrainische Schüler im Ausland. Wohlgemerkt leben von ihnen 180.000 bis 200.000 sogar in Polen – dessen gänzlich ungeachtet, dass dort gegen Ukrainer gehetzt und sie Schlägen ausgesetzt werden. Warum werden in der Ukraine Schulen geschlossen? Denn für das laufende Jahr war dort die Schließung von 530 Schulen geplant. Warum hat der Staat kein Geld für Schulbusse – für Raketen, Marschflugkörper und Drohnen dafür aber jede Menge? Warum schlagen ukrainische Beamte vor, Mathematik als Pflichtfach abzuschaffen – aber dafür die Zahl verpflichtender Sportunterrichtsstunden zu erweitern? Ukrainische radikale Nationalisten, Politiker, Beamte, Meinungsführer behaupten alle, die Ukraine zu lieben – tun aber alles dafür, ihr den Rest zu geben. Wie kann so etwas überhaupt angehen?!
Ich dachte lange über diese Frage nach – und will jetzt ganz vorsichtig meinen, es in etwa verstanden zu haben.
Nutzen wir hierfür eine Umschreibung: Nehmen wir an, die Ukraine ist aus der Sicht all dieser Leute eine noch junge Ehefrau – eine junge Frau allerdings, die im Koma liegt und deren Leben erlöschen wird, sobald sie von den Lebenserhaltungsmaschinen getrennt wird. Auch verstehen sie alle, dass die in dieser Frau eingetretenen Vorgänge unumkehrbar sind und sie so oder so bald sterben wird.
Darum tun sie alles, um sich nicht mit ihr abquälen zu müssen und dem Ganzen ein Ende zu setzen. Ihr die Sauerstoffmaske vom Gesicht zu reißen. Denn sie wird nie mehr Kinder austragen können. Wozu soll so eine gut sein? Die Kinder aber, die sie bereits geboren hat, kann man in den Krieg schicken und daran noch gutes Geld verdienen. Und selber anschließend in ein anderes Land umsiedeln – und dort mit einer anderen Frau leben.
Selenskij erklärte kürzlich, in diesem Krieg könne es keine Sieger geben: "dies ist für beide Seiten unmöglich aufgrund so großer Menschenverluste".
Er ist der Einzige, der nicht versteht, dass die Ukraine schon jetzt verloren hat: Die junge Frau in der Sauerstoffmaske verwest bei lebendigem Leib.
Übersetzt aus dem Russischen.
Marina Achmedowa ist Schriftstellerin, Journalistin, Mitglied des Menschenrechtsrates der Russischen Föderation und seit Kurzem Chefredakteurin des Nachrichtenportals regnum.ru. Ihre Berichte über die Arbeit als Menschenrechtsaktivistin und ihre Reisen durch die Krisenregion kann man auf ihrem Telegramkanal nachlesen.
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