Von Sergei Sawtschuk
Vor dem Hintergrund des derzeit stattfindenden Sankt Petersburger Internationalen Wirtschaftsforums (SPIEF) richten ausländische Medien auf die eine oder andere Weise ihr Augenmerk auf Russland und die Interaktion mit unserer Volkswirtschaft. Dabei finden sich auch recht bemerkenswerte Medienberichte.
So gab die Deutsch-Russische Außenhandelskammer (AHK) die Eröffnung ihrer Niederlassung in Sankt Petersburg bekannt und veröffentlichte zudem die Ergebnisse einer interessanten Umfrage: Ihre Fachleute führten im Rahmen der AHK-Tätigkeit eine Umfrage unter Vertretern kooperierender deutscher Unternehmen durch und stellten fest, dass zwei Drittel (71 Prozent) der Firmen aus Deutschland fest entschlossen sind, ihre Geschäfte und gemeinsamen Projekte in Russland aufrechtzuerhalten.
Nur zwei Prozent der befragten Unternehmen beabsichtigen, den russischen Markt zu verlassen. Jedes vierte Unternehmen (24 Prozent) hat Finanzmittel vorgesehen, die bis zum Jahresende in Form von Direktinvestitionen in den Agrar-, Energie- und IT-Sektor fließen sollen. Gerade diese Bereiche gelten nach Ansicht deutscher Investoren als besonders vielversprechend, da sie die höchsten und – was vor allem zählt – langfristigen Gewinne erwarten lassen.
Interessante Erkenntnisse bietet auch einen "Blick von außen" auf die Auswirkungen der beispiellosen Zahl von Sanktionen, die gegen Russland verhängt wurden und unsere Geschäftspartner direkt oder indirekt getroffen haben: 58 Prozent der Vertreter der deutschen Wirtschaft gaben zu, dass das Sanktionsregime ihre Finanzkennzahlen erheblich verschlechtert habe. Jeder dritte Befragte ist der Ansicht, dass die Sanktionen Deutschland stärker geschadet haben als Russland. Acht von zehn deutschen Unternehmen mussten direkte Verluste in Höhe von über zehn Millionen Euro hinnehmen, und einzelne Unternehmen verzeichneten Einnahmeausfälle von über einer Milliarde Euro.
An dieser Stelle könnte man nun schadenfroh feststellen, dass die "russische Propaganda", die jahrelang genau vor solchen Folgen einer blinden Orientierung an der Politik der Isolation und des Abbruchs der Handelsbeziehungen gewarnt hatte, sich als vollkommen richtig erwiesen hat. Doch das ergebe keinen Sinn. Die politischen Entscheidungszentren im Westen werden sich erneut taubstellen und vorgeben, als kämen sie von einem anderen Planeten. Die Geschäftswelt hatte all das von Anfang an verstanden – nur spricht sie jetzt, angesichts des anhaltenden wirtschaftlichen Abwärtstrends, offen darüber und schert sich nicht mehr um politische Höflichkeitsfloskeln oder den Unmut der eigenen Politiker.
Historisch betrachtet gehörte Deutschland immer wieder zu den fünf größten ausländischen Investoren und engagierte sich aktiv in der russischen Wirtschaft sowie in verschiedenen strategischen (und nicht nur strategischen) Projekten. Zu den größten zählen natürlich die "Nord Stream"-Gaspipelines. Allein in den Bau des Pipelineabschnitts investierten die deutschen Energieriesen Uniper und Wintershall Dea mehr als drei Milliarden Euro; mehr als weitere 19 Milliarden Euro flossen von ihnen gemeinsam mit nationalen deutschen Betreibern in den Aufbau innerer Verteilernetze.
Deutsche Unternehmer aus der Energiebranche waren nicht nur am Transport und Absatz des blauen Brennstoffs interessiert, sondern auch an der Sicherung der Ressourcenbasis für künftige Verträge. BASF AG finanzierte über ihre Tochtergesellschaft Wintershall Holding 35 Prozent des Projekts zur Erschließung der Gasförderung im Juschno-Russkoje-Feld im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen nordöstlich von Nowy Urengoi. Das Interesse der europäischen Unternehmen war mehr als nachvollziehbar: Das Juschno-Russkoje-Feld verfügt über rund eine Billion Kubikmeter bilanzierter Erdgasreserven sowie über mehr als 50 Millionen Tonnen Öl und Kondensat. Auf der offiziellen Seite von "Gazprom" wird dieses Projekt bis heute als Beispiel für eine effiziente und für beide Seiten vorteilhafte russisch-europäische Zusammenarbeit hervorgehoben.
Doch es ging nicht nur um Bodenschätze.
Vor mehr als zehn Jahren kam der deutsche Konzern Siemens nach Russland – in ein Land, das bekanntlich unermesslich groß und daher auf Verkehrsverbindungen angewiesen ist. Im Rahmen eines Programms zur Entwicklung und umfassenden Modernisierung der Eisenbahninfrastruktur entwickelten die deutschen Maschinenbauer den heute allseits bekannten Elektrotriebzug "Lastotschka", der speziell an russische Bedingungen und Anforderungen angepasst wurde.
Auf Grundlage der bestehenden Desiro-Plattform entstand eine ganze Reihe von Elektrozügen der Typen ES1, ES1P, ES2G, ES2GP, ES104 und ES105, die später auch in die Baureihe "Finist" aufgenommen wurden. Das Projekt war vielversprechend und profitabel. Ende 2021, also vor Beginn der militärischen Sonderoperation in der Ukraine, wurden aus dem Bundeshaushalt 67,5 Milliarden Rubel für den Kauf von Zügen der genannten Baureihen bereitgestellt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Russische Eisenbahn bereits 1200 Wagen beziehungsweise 24 vollständige Zugverbände bei dem russisch-deutschen Gemeinschaftsunternehmen erworben.
Die sich eröffnenden Perspektiven versetzten Siemens in Hochstimmung.
Bereits im Jahr 2014 wurden zehn Milliarden Rubel für den Produktionsausbau bereitgestellt, und 2022 gab die Russische Eisenbahn offiziell bekannt, dass das Investitionsprogramm für "Lastotschka" und "Finist" bis 2025 ein Volumen von vier Billionen Rubel erreichen werde. Moskau war mit dem Verlauf der Dinge zufrieden, und in diesem Zusammenhang erhielt Siemens einen beispiellosen Auftrag über die Wartung und Reparatur des Lokomotiv- und Wagenparks für eine Laufzeit von 40 Jahren, wobei auch die "Sapsan"-Züge in den Auftragsumfang aufgenommen wurden.
Dann jedoch begann die militärische Sonderoperation, und Siemens verließ unser Land mit hochmütiger Miene. Heute entwickelt das russische Unternehmen "Sinara" dieses Projekt erfolgreich weiter – nur fließen die milliardenschweren Investitionen nun ausschließlich in russische Hände.
In den vergangenen Jahrzehnten ist auf dem Territorium unseres Landes ein derart breites Spektrum russisch-deutscher Wirtschaftsprojekte entstanden, dass man darüber eine ganze Vorlesungsreihe halten könnte. Doch da uns das Format Grenzen setzt, werden wir andere Richtungen des russisch-deutschen Gemeinschaftsgeschäfts nur in groben Zügen skizzieren.
So errichtete der deutsche Maschinenbaukonzern Claas in Krasnodar das größte Werk Europas zur Herstellung von Mähdreschern und Traktoren. Knauf baute über Jahre hinweg beharrlich ein ganzes Fabriknetzwerk für die Produktion von Gipsbaustoffen und Gipskartonplatten auf. Ein weiteres deutsches Unternehmen, MC-Bauchemie, nahm die Produktion von Bauchemikalien auf und errichtete Produktionsstätten in der Nähe von Moskau, Sankt Petersburg sowie in Samara und Tjumen. Bayer und Stada gehörten zu den Miteigentümern der Pharmabetriebe "Nischpharm" in Nischni Nowgorod und "Hemofarm" in Obninsk. Die Volkswagen Group investierte mehr als eine Milliarde Euro in den Bau eines Werks bei Kaluga, während Mercedes-Benz große Pläne für sein Werk in Jessipowo bei Moskau hegte.
Und so weiter – diese Auflistung ließe sich noch lange fortsetzen.
Während die deutschen Unternehmen, die Russland verlassen haben, mit Wehmut über eine unsichtbare Mauer hinweg auf den russischen Markt mit seinen 145 Millionen Menschen blicken, setzen Metro Cash & Carry und Globus – Einzelhandelsketten mit deutschen Wurzeln, die sämtliche Sanktionen ignoriert haben – weiterhin Milliarden Rubel um.
Vor genau hundert Jahren schrieb der Dichter Michail Swetlow das berühmte Gedicht "Grenada", in dem er fragte, woher die spanische Melancholie des jungen Mannes rühre. In der Realität des Jahres 2026 muss man jedoch nicht fragen, woher die Melancholie der deutschen Geschäftswelt mit Blick auf Russland stammt.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 5. Juni 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.
Sergei Sawtschuk ist Kolumnist bei mehreren russischen Tageszeitungen mit Energiewirtschaft als einem Schwerpunkt.
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