Gewerbetreiber mit Migrationshintergrund in Sachsen-Anhalt machten sich Sorgen wegen eines möglichen AfD-Wahlsiegs, berichtet die Welt. Um ein Zeichen gegen befürchteten Rassismus und Ausgrenzung zu setzen, schlossen sie am Mittwoch in der Landeshauptstadt von 10 bis 15 Uhr ihre Läden. Selbst Türkischstämmige, die seit vielen Jahrzehnten in Deutschland leben, befürchten Abschiebung.
Ein Ladenbesitzer in einem Einkaufszentrum nahe dem Bahnhof wird mit den Worten zitiert: "Viele machen sich Sorgen – werde ich bald abgeschoben? Aber wenn man uns alle nach Hause schickt – dann würde hier nichts mehr funktionieren", sagt der Mann. Er stamme aus der Türkei, habe sieben Kinder, alle in Deutschland geboren. Sein Bruder habe vor 30 Jahren in Magdeburg den ersten Döner-Laden eröffnet.
Vor allem am Hasselbachplatz blieben viele Döner- und Gemüseläden oder Barber-Shops geschlossen und haben rote Plakate im Schaufenster. Darauf informieren sie ihre Kunden, dass sie mit dem Streik gegen Rassismus und Faschismus protestieren: "Wir schließen heute unsere Läden, damit sich morgen nicht die Türen zu einer freien und demokratischen Gesellschaft schließen." Nach Angaben der Organisatoren beteiligen sich über 160 Gewerbetreibende am sogenannten Migra-Streik, mit und ohne migrantische Wurzeln.
Vor dem Landtag haben sie am Mittag eine Kundgebung organisiert. Nach Schätzungen der Polizei haben sich 220 Menschen auf dem Domplatz versammelt. Samet Kabisu, ein Großhändler, beschwerte sich: "Viele hier haben Angst – vor Angriffen. Viele trauen sich deshalb vielleicht auch nicht, ihre Läden zu schließen, um nicht zur Zielscheibe zu werden.“ Er beobachte zunehmendes Misstrauen: "Früher haben Nachbarn – Migranten und Nicht-Migranten – einfach miteinander gefeiert. Heute passiert das immer seltener."
Der Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt gehört zu den Unterstützern der Aktion. Pressesprecher Saaeid Saaeid sagt: "Wir erleben eine politische und gesellschaftliche Entwicklung, die Migration immer stärker als Problem darstellt." Seit dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt 2024 sei das Klima "angespannt und vergiftet". Forderungen nach massenhaften Abschiebungen und Verdrängung von Menschen mit Migrationsgeschichte "werden fast normal", sagt Saaeid.
Die AfD fordert in ihrem Programm zur Landtagswahl unter anderem eine "migrationspolitische Kehrtwende um 180 Grad" und eine "Abschiebe- und Remigrationsoffensive". Die Partei liegt in Umfragen bei 41 bis 42 Prozent.
Mit der Frage eines Journalisten über die Protestaktion konfrontiert, sagte der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, dass er nichts davon gehört habe. Das Gespräch fand am Dienstag am Rande einer Wahlkampfveranstaltung in Zeitz statt und wurde von Utopia TV mitgefilmt. Siegmund zeigte kein Verständnis für die Gründe der Aktion.
"Was soll das Problem daran sein, wenn die Leute fleißig sind und Wertschaffung betreiben?", fragte er zurück. "Wir möchten Migration wieder neu ordnen", erläuterte er. Es sei kein Problem, wenn die Einwanderer Qualifikationen mitbrächten und Deutsch sprächen. Diese Leute machten aber einen Bogen um Deutschland. Was das Land nicht brauche, sei eine illegale Migration oder Migration in die Sozialsysteme. Es gebe viele tausende Ausreisepflichtige im Land. Eine Einwanderung im gesetzlich vorgesehenen Rahmen sei weiterhin zulässig. Es herrsche über die AfD-Programmatik falsche Berichterstattung, beklagte der AfD‑Spitzenkandidat.
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