Russlands Botschafter Netschajew: Wir haben überhaupt keine Probleme mit dem deutschen Volk

Russlands Botschafter Sergej Netschajew präsentierte sich in Berlin als Teilnehmer einer Diskussionsrunde zu den deutsch-russischen sowie den internationalen Beziehungen. Das Publikum erhielt die Chance, direkte Fragen zu stellen.

Russlands Botschafter Sergej Netschajew ist der Einladung des "KulturKreis Pankow" gefolgt, in einem Berliner Theater mit der Journalistin Gabriele Krone-Schmalz und der Politologin Petra Erler zu diskutieren sowie auf Fragen des Publikums zu reagieren. Moderiert wurde das Panel von dem Journalisten Tilo Gräser. Der Diplomat Netschajew reagierte auf eine Publikumsfrage, die die medial geschürten Ängste vor einer angeblichen russischen Expansions- und Kriegsabsicht widerspiegelte, mit der Antwort: "Mit wem sollen wir einen Krieg anfangen?"

Die Veranstaltung mit dem russischen Botschafter Sergej Netschajew war ausverkauft, wie die Berliner Zeitung feststellte. Ein Mitschnitt der rund zweistündigen Gesprächsrunde ist auf YouTube verfügbar. Die Berliner Zeitung konstatiert zudem, dass sich die meisten Publikumsfragen an den Diplomaten richteten.

Vor der Frage- und Gesprächsrunde zitierte Diskussionsleiter Gräser den von der EU sanktionierten Militäranalysten Jacques Baud, der in seinem aktuellen Buch daran erinnert, dass "Europa seit dem Jahr 2014 alle möglichen Hindernisse für ein Abkommen mit Russland aufgebaut" habe. Die Veranstaltung trug den Titel "Verständigung zwischen Ost und West – Mehr Diplomatie wagen".

Auf die Eingangsfrage an Netschajew nach dem aktuell desaströsen politischen Verhältnis zwischen Moskau und Berlin führte der Botschafter unter Verweis auf den internationalen Kontext aus:

"Wir verfolgen eine ziemlich enttäuschende Dynamik. Wir sehen, dass einige westliche Länder, die früher unsere guten Partner waren, eine absolut einseitige Position eingenommen haben in diesem Konflikt mit der Ukraine. Eine absolut eindeutige ukrainische und antirussische Position eingenommen, mit dem Ziel, Russland eine strategische Niederlage zuzufügen."

Und weiter:

"Der Sanktionsdruck gegen Russland ist absolut einmalig: über 30.000 Sanktionen verschiedener Art, obwohl wir nicht viel verlangen. Wir wollten diesen Krieg nicht und wir haben mehrmals versucht, unsere Vorschläge zur Friedensregelung und zur Regelung der Situation in der Ukraine vorzuschlagen."

Der Botschafter erläuterte dem Publikum anschließend die andauernden Hürden und Belastungen für Russland, die im Wesentlichen auf die jahrelange massive finanzielle und militärische Unterstützung der NATO-Verbündeten für die Machthaber in Kiew zurückgehen.

Auf eine Frage nach der Verweigerungshaltung des Westens, jegliche direkte Gesprächskanäle mit Moskau zu suchen, und warum es "den westlichen Regierenden in Berlin und anderen westlichen Hauptstädten heute so schwerfällt", mehr zuzuhören und Respekt walten zu lassen, erklärte Netschajew den Anwesenden:

"Wir verzichten nicht auf den Dialog und sind immer gesprächsbereit mit allen, die es richtig wollen. Auf … Augenhöhe und konstruktiv. Wenn es darum geht, uns die Leviten zu lesen, dann geht es nicht, ganz bestimmt nicht. [Nur] konstruktive Vorschläge können akzeptiert werden."

Die Berliner Zeitung fasst den Verlauf des Abends folgendermaßen zusammen:

"Netschajew schlug auf dem Podium einen demonstrativ ruhigen Ton an. Mehrfach forderte er das Publikum auf: 'Seien Sie etwas optimistisch, meine Damen und Herren'. Spekulationen über einen russischen Angriff auf NATO-Staaten in den Jahren 2029 oder 2030 wies er zurück: 'Mit wem sollen wir einen Krieg anfangen?'."

Zum Status quo des ruhenden Kontakts mit den Hauptstädten der "Koalition der Willigen" lautete die Antwort:

"Das ist schade. Mit einigen Politikern haben wir seit einem Jahr, mehr als seit einem Jahr, überhaupt nicht gesprochen. Kein Wort. Tut mir leid, aber wir werden uns nicht aufdrängen. Wir haben gute Gesprächsbereitschaft, aber aufdrängen werden wir uns nicht. Wer will? Bitte."

Zu den aktuell eingestellten Konsultationen mit Washington führte der Botschafter aus:

"Natürlich gibt es entsprechende Voraussetzungen, was die NATO anbetrifft, was die russischsprachige Bevölkerung anbetrifft. Dafür brauchen wir Diplomatie … unter gewissen Bedingungen. Jetzt sind die US-amerikanischen Kollegen beschäftigt mit sich und anderen Dingen. Sie waren gute Vermittler, haben alles versucht, mit guten Leistungen."

Im Rahmen der Möglichkeit für das Publikum, direkte Fragen an die Panel-Teilnehmer zu stellen, führte der Diplomat laut der Berliner Zeitung aus, dass Russland keine neuen Gebiete brauche: "Rare Erden haben die Europäer wenig, Erdgas auch." Weiter heißt es:

"Sein Satz 'Eigentlich haben wir überhaupt keine Probleme mit dem deutschen Volk' wurde mit Applaus quittiert. Netschajew griff die Reaktion auf: Das Publikum klatsche, weil es selbst nicht aus Europa verschwinden wolle – ebensowenig wie Russland."

Befragt zu den weiteren Kontakten in das Regierungsviertel in Berlin sagte Netschajew, dass Moskau generell in der Vergangenheit "mit allen demokratischen Parteien eine gemeinsame Sprache gefunden habe". Ob "rot, schwarz, blau, violett, wie sie alle heißen", so der russische Botschafter.

Auf die Frage nach der Mitverantwortung Russlands am heutigen Status quo in der Kriegsregion verwies Netschajew der Berliner Zeitung zufolge auf den "Putsch in Kiew 2014, das Verbot der russischen Sprache und der russisch-orthodoxen Kirche in der Ukraine" sowie auf die "nicht umgesetzten Minsker Vereinbarungen von 2015".

Russland habe dabei zuletzt am 15. Dezember 2021 den USA, den NATO-Staaten und der OSZE umfassende Sicherheitsvorschläge unterbreitet, jedoch "ohne Resonanz".

Vor dem Gebäude habe sich vor der Veranstaltung "eine kleine Kundgebung von rund zehn Personen formiert", wie die Berliner Zeitung abschließend anmerkt.

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