Zahlreiche Soldaten der britischen Sondereinheit Special Air Service (SAS) die Beantwortung von Fragen im Rahmen einer Untersuchung zu mutmaßlichen Kriegsverbrechen in Afghanistan verweigert. Dies berichtet der Guardian.
Die im Jahr 2023 eingeleitete Untersuchung soll mutmaßliche "außergerichtliche", also illegitime Tötungen durch britische Streitkräfte in Afghanistan im Zeitraum in den Jahren von 2010 bis 2013 aufklären. Zudem wird geprüft, ob es als erschwerenden Umstand eine Vertuschung in diesen Fällen gab und auch, ob die Militärpolizei (Royal Military Police) die Vorfälle ordnungsgemäß untersucht hat – und wenn nicht, warum.
Bei der Anhörung am Montag erklärte Lord Justice Charles Haddon-Cave, dass schriftliche Informationsanfragen an zahlreiche SAS-Soldaten gerichtet worden seien, die mit den sogenannten "Deliberate Detention Operations" (DDOs) – gezielten Festnahmeeinsätzen, die den Dreh- und Angelpunkt der Sache bilden – in Verbindung gebracht werden.
Haddon-Cave betonte, dass die befragten Soldaten sich ausschweigen – ausdrücklich, um sich nicht selbst zu belasten:
"Ein Großteil hat die Absicht bekundet, sich auf das Recht zu berufen, sich nicht selbst zu belasten – und die Beantwortung jeglicher Fragen der Untersuchungskommission verweigert."
Auch die Frage nach einer Vertuschung scheint jedenfalls beantwortet: Die Untersuchungskommission stieß zudem auf Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Dokumenten aus dem Verteidigungsministerium – bei einer Anhörung im September enthüllte Haddon-Cave, dass 97 Millionen Datensätze aus dem Untersuchungszeitraum bei früheren Suchvorgängen "ausgelassen" worden waren. Der Richter bezeichnete diese Entdeckung mit britischem Understatement als "beunruhigend und bedauerlich".
Beim Verteidigungsministerium erklärte man derweil, man habe lediglich damit gerechnet, etwa 1.200 weitere Dokumente offenlegen zu müssen, und entschuldigte sich für die Verzögerungen bei der Beantwortung der Fragen der Untersuchungskommission.
Im April berichteten britische Medien, dass SAS-Soldaten in erheblicher Zahl ihren Dienst quittierten – und zwar aus Angst vor einer Strafverfolgung im Zusammenhang mit früheren Einsätzen. Der Telegraph zitierte einen nicht namentlich genannten Insider mit der recht geradlinigen Aussage:
"Die Moral ist im Moment beschissen."
Die Untersuchung befasst sich mit Verdachtsmomenten während SAS-Einsätzen in Afghanistan – im Zusammenhang mit bis zu 80 Todesfällen unter Einheimischen. Ein hochrangiger Informant aus den Reihen der Spezialeinheiten erhob den Vorwurf, dass Kommandeure nicht auf Warnungen vor rechtswidrigen Tötungen im Jahr 2011 reagiert hätten.
Im Jahr 2022 deckte eine Recherche der BBC-Sendung Panorama auf, dass eine SAS-Einheit während eines sechsmonatigen Einsatzes in der afghanischen Provinz Helmand (November 2010 bis Mai 2011) 54 Menschen unter verdächtigen Umständen getötet hatte. Ehemalige SAS-Angehörige hatten der BBC damals berichtet, dass unbewaffnete afghanische Männer bei nächtlichen Razzien erschossen – und bei den Toten anschließend Waffen platziert worden waren, um die Schüsse als gerechtfertigt erscheinen zu lassen.
Zudem berichtete die BBC, dass hochrangige Offiziere der Spezialeinheiten von den Bedenken bezüglich der Tötungen wussten – diese Vorfälle jedoch nicht an die Militärpolizei meldeten.
Britische Streitkräfte waren ab dem Jahr 2001 im Rahmen der von Washington geführten Invasion in Afghanistan im Einsatz, die von der US-Seite mit den Terroranschlägen vom 11. September gerechtfertigt worden war. Großbritannien leistete in der Folge einen der größten Beiträge zu der von der NATO gemeinsam durchgeführten Mission; britische Truppen waren maßgeblich am Kampf gegen Milizen der Taliban beteiligt, insbesondere eben in der südlichen Provinz Helmand.
Während des fast zwei Jahrzehnte dauernden Einsatzes kamen mehr als 450 britische Militärangehörige ums Leben. Großbritannien zog seine verbliebenen Truppen im Jahr 2021 aus Afghanistan ab, nachdem die Taliban nach dem Zusammenbruch der vom Westen unterstützten Regierung die Kontrolle über Afghanistan zurückerlangt hatten.
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