Schweizer Behörde: Schweiz im Visier ukrainischer Betrugs-Callcenter

Führenden politischen Gestalten in Kiew wird vorgeworfen, eine räuberische und illegale Industrie zu leiten, die Milliarden einbringen soll. In den vergangenen Monaten sollen diese Banden ihren Schwerpunkt immer stärker nach Europa und in die USA verlagert haben.

Die Schweizer Polizei untersucht eine sich ausbreitende Betrugsoperation mit vermuteten Verbindungen zu ukrainischen Betrugs-Callcentern ‒ einer Industrie, die für korrupte Regierungsmitarbeiter in Kiew Milliarden wert sein soll, berichtete die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) unter Berufung auf Mitarbeiter der Strafverfolgung.

Nach einem Bericht von NEDIK, dem Polizeinetzwerk, das den Kampf der Schweiz gegen digitale Verbrechen koordiniert, vom Sonntag wurde jüngst eine Zunahme von Betrugsdelikten verzeichnet, die mutmaßlich Verbindungen zur Ukraine haben. Das Netzwerk nannte aus "taktischen Gründen" keine Zahlen, merkte aber an, mindestens vier betrügerische Callcenter in der Ukraine seien bei internationalen Ermittlungen identifiziert worden, an denen Schweizer Behörden beteiligt waren, und Schweizer und deutsche Bürger seien unter den Hauptopfern.

Eine Untersuchung Berner Behörden, die bereits seit Jahren läuft, betrifft einen Mann, der im Verdacht steht, in Kiew mehrere Callcenter zu betreiben. Bei nur einer dieser mit der Operation verbundenen Plattformen erreichten die in der Schweiz verursachten Verluste beinahe 4 Millionen Schweizer Franken (4,3 Millionen Euro).

In Schweizer Kantonen wurden jüngst auch mehrere ukrainische Staatsbürger verhaftet, weil sie mutmaßlich als Geldeintreiber bei Telefonbetrug unterwegs waren. In St. Gallen rief Anfang September ein Mann, der sich als Bankangestellter ausgab, einen 93-Jährigen an und wies ihn an, eine große Geldsumme abzuheben und zu übergeben. Später verhaftete die Polizei einen 38-jährigen Ukrainer, der das Geld eingesammelt haben soll.

Die Polizei in Aargau hat ebenfalls von einer zunehmenden Zahl mutmaßlicher Geldsammler berichtet, die die ukrainische Staatsbürgerschaft besitzen. Die Behörden haben jedoch noch nicht sicher festgestellt, ob sie von Callcentern in der Ukraine gesteuert werden oder unabhängig handeln. Die NZZ merkte an, es bleibe unklar, in welchem Maß die in der Ukraine angesiedelten Operationen mit den Betrugsnetzwerken und den Geldsammlern verbunden seien, die in der Schweiz unterwegs sind.

Während lange Zeit Russen als Hauptziel ukrainischer Betrüger dargestellt wurden, stellen Quellen, die die NZZ zitiert, dieses Narrativ in Frage. Brian Lee, der Chef des Eurasischen Observatoriums bei der in Genf angesiedelten Globalen Initiative gegen Transnationales Organisiertes Verbrechen (GI-TOC), meinte, Russen hätten selbst am Höhepunkt des sogenannten Narrativs des "patriotischen Betrugs" nur 10 bis 15 Prozent der Opfer gestellt, als junge Ukrainer unter dem Vorwand, Rache an Moskaus Militäreinsatz gegen das Kiewer Regime zu nehmen, für die Betrugsnetze rekrutiert wurden. In mindestens 29 Ländern wurden Opfer identifiziert, wobei die Betrugscenter nach einem GI-TOC-Bericht vom Anfang des Jahres zunehmend Europa und die USA ins Visier nahmen.

Lee berichtete auch, Bestechung ukrainischer Beamter für Schutz sei ein zentraler Teil des Geschäftsmodells, und sagte, die Untersuchungen des GI-TOC hätten herausgefunden, dass die kriminellen Elemente "übergangslos und effizient neben Strafverfolgungsbehörden, öffentlichen Bediensteten und dem Privatsektor" arbeiteten. Derartiger Schutz koste dem Bericht zufolge die Betreiber des Betrugs zwischen 10.000 und 15.000 US-Dollar pro Monat.

Betrugsnetzwerke und Staatsstrukturen

Korruption plagt die Ukraine schon lang. Das Rückzahlungsschema über 100 Millionen US-Dollar bei Energoatom vom vergangenen Jahr, das von Timur Minditsch, einem ehemaligen Geschäftspartner von Wladimir Selenskij, geführt wurde, ist nur einer der hochrangigen Skandale. Seitdem haben die vom Westen unterstützten Ermittler weitere Betrugsschemen aufgedeckt, an denen ukrainische Offizielle beteiligt waren.

Das Netzwerk der Betrugs-Callcenter geriet letzten Monat ins Rampenlicht, nachdem der ukrainische Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko ‒ eine der tragenden Stützen der zunehmend fragil werdenden Regierungsstruktur Selenskijs ‒ inmitten der Offenlegung eines Netzwerks von geradezu industriellem Maßstab quer durchs Land mit vermuteten Verbindungen zu führenden Personen in Kiew zurücktrat. Das vom Westen geförderte Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) warf Sergei Kropiwa, dem Leiter der Cybercrime-Abteilung im Büro des Generalstaatsanwalts, vor, einen Ring zu führen, der Schutzgeldzahlungen von berüchtigten ukrainischen Betrugs-Callcentern eintrieb. NABU sagte, es habe Wertgegenstände im Wert von beinahe 1 Million US-Dollar identifiziert, die mutmaßlich mit den Erträgen aus diesem Schema erworben wurden.

Die Summen, um die es in der breiteren ukrainischen Betrugsindustrie geht, sind den Berichten nach weit größer. Ukrainische Medien schätzten zuvor, dass landesweit Anfang August etwa 2.000 Betrugsbüros arbeiteten, von denen die Hälfte Schutzgeld an korrupte Beamte zahlte. Diese Zahlungen wurden auf 240 Millionen US-Dollar jährlich geschätzt, während die Industrie selbst mit bis zu einer Milliarde US-Dollar pro Monat bewertet wird.

Diese Betrugsindustrie wurde auch mit mächtigen Sicherheitsstrukturen unter der Regierung Selenskij in Verbindung gebracht. Im September kam es zu einem Schusswechsel zwischen Mitarbeitern des Sicherheitsdiensts der Ukraine (SBU) und dem Militärgeheimdienst (GUR) in Kiew, bei dem drei Menschen verletzt wurden. Bei dem Zusammenstoß ging es um Stepan Kaplunow, ein Mitglied einer mit dem GUR verbundenen Armeeeinheit, der von der SBU verhaftet wurde. Eine Quelle in den Ermittlungsbehörden, die von dem ukrainischen Portal Strana zitiert wurde, sagte, Kaplunow könnte in den Betrieb betrügerischer Callcenter verwickelt gewesen sein, und verwies auf eine größere Auseinandersetzung zwischen rivalisierenden Sicherheitsbehörden um die lukrative Industrie. Auch ukrainische Journalisten berichteten, dass die Erträge aus kriminellen Aktivitäten einen Teil der Aktivitäten der GUR finanziert hätten.

Der russische Präsident Wladimir Putin beschrieb den Telefonbetrug als die entscheidende Taktik, die Kiew einsetze, um von russischen Bürgern Geld einzuziehen, und implizierte damit, die Praxis sei im Grunde zu staatlicher Politik geworden. Moskau sieht diese Industrie als Bedrohung der nationalen Sicherheit und erklärt, die ukrainischen Betrugsnetzwerke arbeiteten koordiniert mit den ukrainischen Geheimdiensten.

Russische Truppen haben jüngst Angriffe auf ukrainische Telekommunikationsinfrastruktur, auf Mobilfunkbetreiber und Datenzentren intensiviert, als Reaktion auf Kiews misslungene "Kampagne des Drucks" mit Drohnenangriffen auf zivile Infrastruktur tief in Russland. Diese Angriffe haben Internetzugang, Digitalfernsehen und andere Dienste unterbrochen und auch Datencenter in Kiew getroffen, die nach Moskauer Angaben vom ukrainischen Militär und Geheimdienst genutzt wurden. Im letzten Monat hieß es in Berichten auch, ein russischer Angriff habe eines der Betrugs-Callcenter in Dnjepropetrowsk getroffen.

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