Wie das litauische Verteidigungsministerium vor einigen Tagen bekannt gab, ist für die Zeit vom 25. September bis zum 3. Oktober die landesweite jährliche Übung "Vyčio Skliautas 2026" angesetzt. Ziel der Übung ist es, die Mobilisierungsbereitschaft des gesamten Staates zu testen und damit die Aufrechterhaltung wichtiger Staatsfunktionen unter Krisenbedingungen zu gewährleisten. Dabei sind auch zivile Institutionen eingebunden.
Insgesamt nehmen nach Angabe der Behörde neben den litauischen Streitkräften alle 60 Verwaltungseinheiten des Landes teil, sowie Ministerien, Behörden und Nichtregierungsorganisationen wie das Rote Kreuz oder die Caritas, insgesamt 3.000 Staatsdiener und 1.000 Freiwillige.
Ein besonderes Augenmerk wird in einzelnen Regionen des Landes auf die Evakuierung der Einwohner gelegt. Es handelt sich bei den von den Evakuierungsübungen betroffenen Gebieten um die Hauptstadt Vilnius und Orte entlang der Grenze zu Weißrussland. Bilder aus den teilnehmenden Gemeinden zeigen, wie die Schutzsuchenden auf Probe in bunkerähnlichen Räumen und schulischen Turnhallen unterkommen oder von Caritas-Mitarbeitern registriert werden und Notfallzentren in den einzelnen Bezirken tagen.
Wie TVP World, der englischsprachige Informationssender des öffentlich-rechtlichen polnischen Rundfunks Telewizja Polska (TVP), berichtet, ist auch das Nachbarland Polen an der Übung beteiligt. Demnach bereiten sich beide Staaten gemeinsam auf eine Evakuierung der Zivilbevölkerung aus dem Baltikum im Konfliktfall vor. Die Massenevakuierung soll über die schmale gemeinsame Grenze am Suwałki-Korridor erfolgen.
An der Übung nehmen rund zwanzig polnische Beamte teil, die nach Litauen gereist sind, um das Evakuierungsverfahren im Grenzgebiet zu testen. Vilmantas Vitkauskas, der Leiter des litauischen Nationalen Krisenmanagementzentrums, erklärte gestern gegenüber Reportern, die polnischen Kollegen würden zusammen mit den Litauern "Verfahren, Logistik und Infrastrukturkapazitäten" analysieren.
Die gemeinsame Übung soll letztendlich zu einem bilateralen Abkommen zwischen Warschau und Vilnius führen. Der polnische Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz hatte am vergangenen Dienstag von einem möglichen russischen Angriff auf Litauen gesprochen und den litauischen Nachbarn die Hilfsbereitschaft Polens bei der Evakuierung der Zivilbevölkerung zugesichert.
Der Sender TVP World zitierte Kosiniak-Kamysz mit den Worten, diese Art Hilfe sei "eine Frage von Anstand und Menschlichkeit". Polen habe bereits Erfahrung bei der Aufnahme von Millionen ukrainischer Flüchtlinge im Jahr 2022 gemacht und werde gegebenenfalls auch Litauen helfen. Im Falle eines russischen Angriffs auf das Baltikum werde die polnische Regierung außerdem die Aktivierung der NATO-Beistandsklausel Artikel 5 einfordern.
In derselben Woche hatte der litauische Mindaugas Sinkevičius in der BBC-Sendung Newsnight verkündet, dass der litauische Evakuierungsplan eine priorisierte Evakuierung von Vilnius und anderer großer Städte vorsehe. Behinderte und ältere Menschen würden als Erstes evakuiert.
Bereits im Februar 2026 hatten sich laut Mitteilung der schwedischen Regierung die zehn Länder Schweden, Dänemark, Estland, Finnland, Island, Lettland, Litauen, Norwegen, Polen sowie die Bundesrepublik Deutschland auf eine Absichtserklärung bezüglich der Zusammenarbeit bei der Evakuierung der Zivilbevölkerung im Ostseeraum und in Nordeuropa geeinigt.
Sollte es den NATO-Staaten gelingen, tatsächlich einen Konflikt mit Russland im Baltikum vom Zaun zu brechen, dürfte sich allerdings die Evakuierung der Zivilbevölkerung schwieriger gestalten als in den Äußerungen der Politiker dargestellt. Dies betrifft nicht nur den im Ernstfall womöglich umkämpften Suwałki-Korridor zwischen Polen und Litauen.
Aufhorchen lässt auch eine Meldung des litauischen öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders LRT. So stellt sich Äußerungen des regionalen Katastrophenschutzmitarbeiters Pavel Goj zufolge die Evakuierung der sogenannten Dieveniškės-Schleife binnen 24 Stunden problematischer als gedacht dar. Diese Region ist mehrheitlich polnisch besiedelt und ragt in weißrussisches Gebiet hinein.
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