"Ich bin im russischsprachigen Kiew geboren": Ukrainische Sängerin gegen Sprachdiskriminierung

Die ukrainische Sängerin Nastja Kamenskich kritisiert die Diskriminierung von Menschen in der Ukraine aufgrund ihrer russischen Sprache. Sie erklärt, sie unterstütze die aktuellen Vorgänge im Land nicht und sei "im russischsprachigen Kiew" geboren und aufgewachsen.

Die ukrainische Sängerin Nastja Kamenskich hat sich gegen die Diskriminierung von Menschen aufgrund der von ihnen gesprochenen Sprache ausgesprochen. Zugleich erklärte sie, sie unterstütze nicht mehr, was derzeit in der Ukraine geschehe. Anlass für ihre Stellungnahme war eine Petition gegen ihren früheren Duo-Partner Alexei Potapenko, bekannt als Potap, wegen dessen Verwendung der russischen Sprache.

Kamenskich und Potap, die mit ihrem Duo "Potap und Nastja" auch in Russland große Bekanntheit erlangt haben, hatten wenige Tage zuvor in den sozialen Netzwerken ein ironisches Video veröffentlicht. Darin entschuldigten sie sich scherzhaft dafür, Russisch zu sprechen und zu singen.

"Gott, verzeih uns bitte, dass wir Russisch sprechen. Wir haben völlig vergessen, dass es so etwas wie Freiheit gibt."

Das Video löste in der Ukraine Kritik aus. Am 28. August wurde auf der Webseite des ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenskij eine Petition registriert, in der gefordert wird, Potapenko den Titel "Verdienter Künstler der Ukraine" abzuerkennen. Zur Begründung wird ihm vorgeworfen, die ukrainische Sprache und Kultur öffentlich zu missachten und die Verwendung des Russischen zu fördern.

Damit sich der ukrainische Präsident mit dieser Petition befasst, sind 25.000 Unterschriften erforderlich. Zum Zeitpunkt der ersten Berichte hatten bereits mehr als 5.000 Menschen unterschrieben. Die gesetzliche Frist für die Sammlung der erforderlichen Stimmen beträgt 90 Tage.

Potap reagierte ironisch auf die Forderung. Er erklärte, er sei bereit, freiwillig auf den Titel "Verdienter Künstler" zu verzichten, wenn dies tatsächlich jemandem helfe. Gleichzeitig schlug er vor, ihm stattdessen den Titel "Volkskünstler" zu verleihen. Die Anerkennung durch das Publikum hänge schließlich nicht von einem staatlichen Titel ab, so Potap.

Daraufhin meldete sich Kamenskich ebenfalls ausführlich zu Wort. In einem Video erklärte die Sängerin, dass sie die Veröffentlichung lange hinausgezögert habe, da sie Dinge, die für sie selbstverständlich seien, nicht aussprechen wolle. Nun sehe sie jedoch, dass es Fragen zu ihrer Haltung gebe, die sie beantworten wolle.

"Ich unterstütze nicht mehr, was in der Ukraine passiert. Ich möchte keinen 'Hurra-Patriotismus' vorspielen, eine traditionelle bestickte Bluse tragen und von 'starken, unbeugsamen Menschen' sprechen. Ich will, dass diese Menschen nicht sterben."

Anschließend erklärte sie, warum sie weiterhin Russisch spreche:

"Warum spreche ich Russisch? Weil ich es seit meiner Kindheit spreche. Ich bin im russischsprachigen Kiew geboren und aufgewachsen."

Kamenskich betonte, dass jeder Mensch selbst entscheiden sollte, in welcher Sprache er kommuniziert. Eine Diskriminierung aufgrund der Sprache sei für sie mit einer Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe vergleichbar. Die Sprache, die ein Mensch spreche, bestimme weder seine persönlichen Eigenschaften noch seinen Wert.

Zugleich verwies die Sängerin auf ihre Aktivitäten seit Beginn des Ukraine-Konflikts. Nach eigenen Angaben waren sie und Potap seit 2022 mit Benefizkonzerten weltweit unterwegs und sammelten dabei Millionen Dollar für die Ukraine. Damals habe sie vollständig auf Ukrainisch umgestellt. Ihre grundsätzliche Unterstützung der Ukraine habe sich dadurch nicht geändert, ihre Haltung zu den derzeitigen Vorgängen im Land habe indes eine Veränderung erfahren.

Kamenskich und Potap gehörten über Jahre zu den bekanntesten ukrainischen Musikduos. Nach 2022 verließen sie die Ukraine und lebten zunächst in Spanien, später hielten sie sich in den USA auf. Inzwischen treten sie nicht mehr als Ehepaar auf. Ihre musikalische Zusammenarbeit besteht jedoch unabhängig davon fort.

Der Streit um die russische Sprache steht vor dem Hintergrund der ukrainischen Sprachpolitik. So verabschiedete die Werchowna Rada 2019 das Gesetz "Über die Gewährleistung der Funktionsweise der ukrainischen Sprache als Staatssprache", das die Verwendung des Ukrainischen in zahlreichen Bereichen des öffentlichen Lebens vorschreibt.

In den vergangenen Jahren kam es wiederholt zu Konflikten wegen der Verwendung des Russischen. So erklärte der Vertreter des ukrainischen Sprachbeauftragten, Igor Spiridonow, Mitte August, dass gegen eine Mitarbeiterin einer Hochschule in Kiew ein Protokoll wegen einer Ordnungswidrigkeit erstellt worden sei. Anlass war ein Telefongespräch, in dem sie Russisch gesprochen hatte.

Auch andere ukrainische Künstler haben sich zuletzt kritisch zu den Entwicklungen im Land geäußert. So erklärte die Sängerin Olja Poljakowa Mitte August, die Ukraine gleiche wegen der Mobilisierung und der Angst der Bevölkerung vor den Mitarbeitern der Einberufungsbehörden einem "Konzentrationslager". Ihre Äußerungen lösten eine breite Diskussion aus.

Mehr zum Thema  Ukrainisches Parlament verabschiedet neues Gesetz gegen russische Sprache